Ich entdecke Eyvind Johnson in Feldis

Y., ich und die Kinder verbrachten während den Sommermonaten oft einige Wochen in Feldis. Ich trug unseren Sohn und später unsere Tochter im Tragegestell auf dem Rücken vom Mutta hinunter ins Dorf. Wir machten Feuer im Wald und brieten Würste. Oberhalb des Sternahaus, auf der Plaun Graund fischte ich meinem Bub im kleinen Weiher. Einmal fuhren Y. und ich mit dem Postauto hinunter nach Tomils. Unsere Tochter im Kinderwagen. Wir spazierten zum kleinen See Leg da Canova wo man baden konnte. Die Sonne schien und es roch nach frisch geschnittenem Gras. Am Abend assen die Gäste im Sternahaus gemeinsam an den langen Tischen im grossen Speisesaal.
Als ich an einem Abend mit Y. vor dem Haus sass und wir Bier tranken, blickte ich hinauf zum Chalet, das zur Rechten, etwas erhöht auf der anderen Seite des Weges lag. Im oberen Stock brannte Licht im Fenster.
„Dieses Haus da wäre ein Ort um zu schreiben“, sagte ich zu Y.
Diese Vorstellung wärmte mich. An einem Fenster sitzen und hinunter ins Tal blicken. Vor sich einen einfachen Tisch. Abgetrennt von der Welt. Der Tisch aufgeräumt, auf einem Stuhl sitzend den Gedanken ihren Lauf lassen. So stellte ich mir das vor.
Später entdeckte ich, dass in diesem Haus Girintsché tatsächlich ein Schriftsteller zwei Sommer verbrachte. Der Schwede Eyvind Johnson. Das Haus war eine Familienpension und die Johnsons verbrachten ab 1947 zwei Sommer dort. In „Notizen aus der Schweiz“ erzählt Johnson davon. Johnson ist ein skandinavischer Autor, der zusammen mit Harry Martinson 1974 den Nobelpreis erhielt.
Büchi, Feldis im Oktober 2015

„Ist man durch den Wald, schwingt sich der Weg nach rechts, und die Aussicht weitet sich.“
„När man kommer genom skogen svänger vägen åt höger, utsikten blir vidare.“

Eyvind Johnson, Dagbok från Schweiz

Sehr geehrter Herr Büchi, ich selbst kann Ihnen nichts über den Aufenthalt der Johnsons in Feldis nichts sagen. Hingegen hat mir Hans Mohler von ihnen erzählt, der mit ihnen freundschaftlichen Umgang pflegte. Hans Mohler ist Schriftsteller und wohnt in Masein.
Mit freundlichen Grüssen
W. L.
Chur, 24. Juli 2009

„Im übrigen fehlt es uns an einer festen Bleibe.“
„Vi saknar för övrigt fast bostard.“

Im Frühling 1947 beschlossen meine Frau und ich, uns mit unseren Kindern für einige Jahre im Ausland niederzulassen. Ein Brief einer Schwedin war Anlass, weshalb wir an die Schweiz dachten. Sie hatte in den Graubündner Bergen, in Feldis, gewohnt, einem Ort, den sie uns warm empfahl. So flogen wir an einem Tag im Mai nach Zürich. Von dort fuhren wir mit dem Zug nach Chur, dann mit der Rhätischen Bahn durch die herrliche Rheinlandschaft immer höher ins Domleschg, dem Hinterrhein entlang. In Rothenbrunnen nahmen wir das Postauto nach Feldis hinauf. Das war eine recht gewundene Strasse, und wir fuhren, so kam es mir manches Mal vor, hart am Rand eines Abgrundes; wir hatten das Gefühl dass die Räder des Postautos oft der Gefahr allzu nahe wären. Meine Frau sagte: Da fahre ich nie wieder hinunter! Aber sie tat es später öfters. Man gewöhnt sich daran. Feldis, seine Bewohner und die Berge waren während zweier Sommer unser Paradies. lm Winter mieteten wir die Villa der grossen Sängerin Karin Branzell in Brissago, ganz nahe der italienischen Grenze. Von Feldis und Brissago aus reisten wir durch die ganze Schweiz bis weit nach Italien und Frankreich hinein. Dabei haben wir die Schweiz, dieses vielgestaltige Land, kennengelernt, und wir fühlten uns da bei den Einheimischen, in der Natur und Kultur, bald heimisch. Und dieses Gefühl begleitet mich seither bei jedem Besuch.
Eyvind Johnson, Dagbok från Schweiz

Originalausgabe: Dagbok från Schweiz 1949, BONNIERS, Mit Fotografien teilweise von Tore Johnson

Originalausgabe: Dagbok från Schweiz 1949, BONNIERS, Mit Fotografien teilweise von Tore Johnson

Notizen aus der Schweiz, Vorwort von Eyvind Johnson, Verlag Huber 1976 Dagbok från Schweiz 1949

Notizen aus der Schweiz, Vorwort von Eyvind Johnson, Verlag Huber 1976 Dagbok från Schweiz 1949

Lieber Jürg
Plasch Barandun ist der Dorfhistoriker von Feldis und ein wandelndes Lexikon. Wir denken er freut sich über einen Anruf und kann Dir sicher weiter helfen.
Mit herzlichen Grüssen aus dem sonnigen Feldis
Martha & Rolf Schenkel, Muheim 6. August 2009

„Ich verlasse die Ziegensiedlung, ritze meine Initialen ein und setze Fussabdrücke in die eilig wegschmelzenden Schneeflocken des Nordhangs.“

Dieses Graubündner TaI ist sehr schön und teilweise recht fruchtbar. Aber viel Blut ist auf den Talseiten und hinunter in den Hinterrhein geflossen seit der Zeit, als alemannische Stämme sich nach Süden vortasteten nach etwas, was ihnen mehr Sicherheit zu bieten schien, und Cäsars Truppen nach Norden marschierten auf der Suche nach mehr Macht, von den Feudalkriegen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, aIs Napoleons noch republikanische Soldaten in dem kleinen rätoromanischen und katholischen Ort Ems in der Nähe der Talöffnung eine Schlacht lieferten. Ein anderes Streiflicht fällt auf den Verlauf der Geschichte in Reichenau, das genau am Treffpunkt der Täler liegt, wo Vorder- und Hinterrhein sich vereinigen und als Rhein nach Graubündens Hauptstadt Chur weiterfließen. Nur ein kleines Detail in dem großen Spiel: nach der französischen Revolution kam auf das Schloß in Reichenau ein Mann, der sich Monsieur Chabot nannte und dort acht Monate aIs Lehrer blieb: es war Louis Philippe, der später eine Zeitlang König von Frankreich wurde, der Bürgerkönig, der Birnenkönig, Louis-poire.
Eyvind Johnson, Dagbok från Schweiz

Vielen Dank für Ihr Schreiben.
Es ist erstaunlich, alle paar Jahre wird diese Geschichte von Gästen „wiederentdeckt“. Eyvind Johnson verbrachte tatsächlich zwei Sommer in unserem Haus „Girintsché“. Sehr viel weiss ich allerdings nicht darüber da es vor „meiner Zeit“ geschah, meine Mutter übernahm das Haus 1947 und betrieb eine Familienpension. Wahrscheinlich ist Herr Johnson durch meine verstorbene Tante M. G. auf Feldis aufmerksam gemacht worden, sie arbeitete nach dem Krieg einige Jahre als Kindermädchen bei der Familie Johnson. Leider ist von diesem Aufenthalt praktisch nichts geblieben, im Nachlass meiner Eltern fand ich einige schwedische Zeitungen aus diesen Jahren mit dem Adressbank von Eyvind Johnson (allerdings nur seine Tessiner Adresse).

Gruss aus Feldis
R. W.
16. August 2009

„Einen Baum kann man auf folgende Weise Studieren: Man sitzt ruhig da und betrachtet ihn.“

Thomas Mann schien aus dieser Entfernung (um ihn mehr aus der Nähe zu sehen hatte ich keine Gelegenheit) verändert. Ein Krieg ist vorübergegangen oder so gut wie vorübergegangen, seit ich ihn zuletzt in Stockholm gesehen habe; das war am 1. September 1939, am selben Tag, an dem die Deutschen Polen überfielen. Er hat noch sein Gesicht und seine Lebendigkeit, wirkt aber voller, satter, hat vielleicht an physischem Gewicht und an Sicherheit gewonnen. Ich weiss nicht: es war mein Eindruck. Jetzt ist er nicht deutscher oder tschechischer Staatsbürger, sondern ein deutschsprachiger Amerikaner auf Besuch in Europa, wo er als europäischer Dichter gilt. Jemand meinte: er ist das alte Deutschland, das überlebt hat neben Hitlerdeutschland, das sicht- und hörbar ebenfalls überlebt hat. Er erhebt nicht – wie zum Beispiel Wiechert – den Anspruch, der Jugend den Weg zu weisen. Aber er ist eine der grossen Gestalten unserer Zeit und natürlich auch der Literaturgeschichte. Die Deutschen wollen ihn zurückhaben, und er antwortet – mit deutlichem Zögern –, dass er das nicht will.
Eyvind Johnson, Dagbok från Schweiz

Herzlichen Dank für Ihre freundliche Anfrage. Tatsächlich beschäftige ich mich in meiner Dissertation mit Eyvind Johnson. Ich analysiere darin sein Frühwerk „Stad i ljus“, worin Paris eine wichtige Rolle spielt. Johnson ist ja ein bedeutender skandinavischer Autor, der zusammen mit Harry Martinson 1974 den Nobelpreis erhielt – was allerdings nicht ganz unumstritten war, da er selbst zu jener Zeit Mitglied von Svenska Akademien war, jener Institution, die alljährlich den Literaturnobelpreisträger wählt. Dass Johnson in der Schweiz war und darüber geschrieben hat, war mir bekannt. Spannend, seinen damaligen Wege hier zu verfolgen. Als Skandinavistin kenne ich die Zusammenhänge und könnte mich an Recherchen beteiligen.
Beste Grüsse
S. F.
Zürich, 21. August 2009

„Aber wohin wandern alle die alten Uhren mit ihrer verbrauchten Zeit von Glück und Unglück?“

Tags darauf bin ich wieder auf dem Weg nach Chur. In Zürich regnet es den ganzen Morgen und Vormittag. Ich renne herum und mache Besorgungen, kaufe DDT gegen die Fliegen, kaufe Bücher, Glühbirnen, Spielsachen für die Kinder und befinde mich in einem teuren Land voller Freundlichkeit. Manchmal gehe ich in einen Laden und kaufe nichts, doch der Verkäufer begleitet mich trotzdem zur Tür und schickt mir einen freundlichen Gruss nach. Ich gebe meinen Koffer auf und esse eine Kleinigkeit in der Bahnhofgaststätte. Ich sage, dass ich es eilig habe, und die Bedienung glaubt mir aufs Wort, sie hegt Vertrauen zu mir, und ich bekomme meine Ravioli sofort. Als ich einen Zürichwein bestelle, schüttelt sie den Kopf und empfiehlt einen anderen, der ausserdem billiger ist. Sie kommt mit dem Kaffee und der Rechnung und sagt: Hoffentlich werden Sie den Zug nicht verpassen.
Eyvind Johnson, Dagbok från Schweiz

Hoi Jürg
Ich werde mal nachfragen, ob der Name Eyvind Johnson irgendwo bei C.G. Jung schon mal aufgetaucht ist. Könnte schon möglich sein.
E. B.
Stiftung der Werke von C.G. Jung, Zürich
28. August 2009

„Es wird kalt in den Bergen. An manchen Abenden schalten wir die elektrische Heizung ein.“

Die Kühe und Ziegen weiden nicht mehr in der Höhe, sie bleiben meist unten im WaIdgürtel. Der letzte Grasschnitt ist vorbei, und die Kartoffeln werden mit langstieligen Hacken herausgeholt und ins Dorf hinunter gebracht. Man führt das Holz zu TaI, das den Sommer über geschält und sauber neben den Bergwegen lag und trocknete. Das Sägewerk im Dorf hat übergenug Arbeit. Die Bretter werden nicht sortiert, sondern man zersägt einen Stamm und legt ihn dann wieder zusammen, so daß jeder Teil an seinen ursprünglichen Platz kommt; damit die Bretter trocknen können, werden kleine Holzstücke dazwischen gelegt, aber im übrigen kann jeder Bauer seine eigenen Stamme wiedererkennen. Wie die Sagespäne aufgeteilt werden, weiß ich nicht, aber das geht ja leicht mit einem Litermaß.
Eyvind Johnson, Dagbok från Schweiz

Hoi
Hat einen interessanten Lebenslauf, der Eyvind Johnson. Ich kenne Hans Mohler leider nicht. Wie ich im Internet erfahren habe, muss er auch schon neunzig sein.
Johnsons Tagebuch wird in einem wissenschaftlichen Artikel erwähnt. Karin Naumann, Utopien von Freiheit. Die Schweiz im Spiegel schwedischer Literatur (in Beiträge zur nordischen Philologie 23, Helbing & Lichtenhahn, Basel/Frankfurt a. M., 1994
Liebe Grüsse
Sabina Altermatt
Schriftstellerin, Zürich
22. September 2009

„Was ist ein Schriftstellerdasein wie zum Beispiel das meine?“

Romantisch ist ein totes, ein sterbendes oder eben beinahe gestorbenes, aber sich wieder erholendes Dorf aus Stein. Man kann draussen vor einem aufgegebenen Haus stehen droben in einem Dorf und das, was geschehen ist, mit einer Art Spassgefühl betrachten; der ehemalige Besitzer warf eines Tages die Tür hinter sich zu und sagte: jetzt ist mir das hier wurst, ich fahre nach Amerika. Oder ein Paar träfe sich auf der Strasse. Der eine trüge ein schweres Reisigbündel, der andere wäre in seinem besten Gewand. – Wohin willst du denn, Francesco? – Ich pfeife auf all das hier, jetzt fahre ich nach Australien, Giuseppe. Der andere wirft die Last weg, dass der Staub aufwirbelt, spuckt  auf die Erde, krempelt die Hosen ein paar Daumen hoch und sagt: da komme ich auch mit.
Eyvind Johnson, Dagbok från Schweiz

Jürg Büchi, Zürich, 29. Mai 2016

Ein «Stück seines Herzens» blieb im Tessin, Tagesanzeiger, 2014
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Ein-Stueck-seines-Herzens-blieb-im-Tessin/story/12367951?track

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